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Städtetrip: Ein Wochenende in Minsk

„Und, wohin geht es diesmal?“ werde ich gefragt als ich mit meinem kleinen Wochenendrucksack ins Büro marschiere. „Ich mache einen Wochenendtrip nach Minsk“, antworte ich. „Im ernst? Weißrussland? Was kann man denn da so machen?“ werde ich fast mitleidig gefragt. Logisch, ein klassisches Reiseziel ist Minsk bisher wirklich nicht. Berichte und Tipps finde ich Internet  dementsprechend kaum.

Der Tourismus in Osteuropa boomt – nur in Belarus nicht. Erst seit Zerfall der Sowjetunion 1991 ist das Land unabhängig. Russisch ist zusammen mit Belorussisch offizielle Amtssprache.

Vorbereitung: Was weiß ich eigentlich über Minsk?

Was weiß ich eigentlich über Minsk? Erschreckend wenig. Also fing ich vor meiner Reise an mich zu belesen. Der internationale Ruf von Belarus ist nicht der Beste: Korruption, Menschenrechtsverletzung, Zensur. Bei der Recherche stoße ich öfters auf die Bezeichnung „die letzte Diktatur Europas“ oder „Nordkorea Europas“. Die ganz eisernen Zeiten sind zwar vorbei, trotzdem hat der Präsident von Belarus, Alexander Lukaschenko, das Land seit über 20 Jahren fest im Griff. Das Internet ist allerdings zu meiner Überraschung frei zugänglich.

Bis vor kurzem hat das Land nicht sehr viel dafür getan um Touristen anzulocken. Hinweisschilder in lateinischer Schrift findet man kaum, dafür aber einige chinesischen Schriftzeichen wie z.B. am Flughafen.

Seit Februar 2017 sind die Einreisebestimmungen für EU-Bürger etwas gelockert. Bürger aus rund 80 Ländern, darunter auch Deutschland und Österreich, können die weißrussische Hauptstadt Minsk bis zu fünf Tage visafrei besuchen – vorausgesetzt man reist über den internationalen Flughafen Minsk ein.

Weißrussland oder Belarus?

Zwar ist die Bezeichnung „Weißrussland“ bei uns in Deutschland noch gebräuchlicher, offiziell heißt das Land aber „Republik Belarus“. Was ich bei meinen Recherchen vorab so las, mögen die Belarussen die Bezeichnung „Weißrussland“ mit Hinblick auf ihre Eigenstaatlichkeit nicht. Also tue ich den Belarussen den gefallen und rede in diesem Artikel ab sofort nur noch von Belarus.

Was du alles an einem Wochenende in Minsk erleben kannst, stelle ich dir in diesem Artikel vor. Hier meine Eindrücke…

Keine Einreise ohne Auslandskrankenversicherung

Ich hatte bereits vorab gelesen, dass man bei der Einreise eine gültige Auslandskrankenversicherung (die mindestens 10.000 Euro abdeckt) vorweisen muss. Ich habe zwar eine Bestätigung meiner Reisekrankenversicherung auf Deutsch dabei aber um Diskussionen zu vermeiden, hole ich mir am Schalter vor der Grenzkontrolle eine Auslandsversicherung für etwas mehr als einen Euro am Tag (ich bezahle insgesamt 4 Euro für drei Tage (Stand 08/2018)).

Ich überreiche dem belorussischen Grenzbeamten den Beleg der Krankenversicherung und den Reisepass. Der Grenzbeamte schaut sich den Pass mit einer Lupe und einer UV-Lampe ganz genau an. Doch eigentlich geht alles ganz schnell und unkompliziert und ich bekomme schnell den Einreisestempel in den Pass gedrückt. Ich bin in Belarus!

Unser vorab bestellter Fahrer wartet bereits mit unserem Namensschild am Flughafenausgang. Die Fahrt zu unserem Hotel im Zentrum der Stadt dauert etwa 45min. Es ist kurz nach Mitternacht und auf den gut ausgebauten, breiten Straßen ist wenig los. Einen ersten Eindruck der Stadt kann man sich trotzdem schon verschaffen. Je näher das Stadtzentrum rückt, desto präsenter werden die wuchtigen Stalin-Bauten im monumentalen Zuckerbäckerstil. Wir fahren vorbei an zwei großen Türmen, die das „Tor zur Stadt“ bedeuten. Die prachtvolle Hauptstraße, der Unabhängigkeitsprospekt mit makellosen Häuserfassaden, führt auffallend schnurgeraden durch die ganze Stadt und ich denke mir, wie langweilig das Autofähren hier sein muss.

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Blick über Minsk vom Riesenrad im Gorky Park.

Sightseeing in Minsk

Nach einem dürftigen Frühstück machen wir uns am nächsten Morgen los um die Stadt zu erkunden. Es ist Mitte August und warme 30 Grad. Unser Hotel liegt direkt am Fluss und damit mitten im Geschehen.

Das hier sehr großen Wert auf Aussehen und Sauberkeit gelegt wird, wird sofort deutlich. Während in anderen Hauptstädten Chaos und Trubel allgegenwärtig sind, besticht Minsk durch Ordnung und schon fast einer sterilen Sauberkeit. Keine Zigarettenkippen, Kaugummis oder zerbrochene Bierflaschen auf dem Boden. Die Innenstadt um den Fluss wirkt fast wie eine Musterstadt. Auf der Straße sehe ich wie gerade mit einem Pinsel penibel die Fahrbahnmarkierungen nachgezogen werden. 

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Wuchtige Bauten findet man überall in der Stadt.

Unser erster Spaziergang führt den Swislatsch entlang. Der Fuss schlängelt sich durch Minsks Innenstadt und ist von vielen Grünflächen umgeben. Auf dem Wasser sind viele Tretbootfahrer unterwegs. Wir kommen an einem modernen Shopping Center vorbei, vor dem laute Musik läuft. Modern Talking – scheint hier noch im Trend zu sein.

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Aussicht von der „Insel der Tränen“ mit der Traezkae-Vorstadt im Hintergrund.

Auf der anderen Seite des Flusses fällt mir eine kleine süße Häuserreihe ins Auge. Es handelt sich hierbei um die rekonstruierte Traezkae-Vorstadt, auch Trinity Hill genannt, aus dem 19. Jahrhundert. Das Viertel wurde so hergerichtet wie es vor 1941 ausgesehen haben soll. Heute befinden sich in den farbenfroh gestrichenen Häuser kleine Geschäfte, Cafes und Restaurants.

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Die „Insel der Tränen“.

Etwas weiter befindet sich die künstlich angelegte Insel „Insel der Tränen“. Ein Denkmal an die weißrussischen Gefangenen im Afghanistankrieg mit einer kleinen Engelstatue die um die verstorbenen Soldaten weint.

Die Altstadt von Minsk

Besonders sehenswert in Minsk ist die Altstadt, auch Oberstadt genannt. Minsk hat nur noch wenige Gebäude aus der Nachkriegszeit und recht wenig klassische Sehenswürdigkeiten. Einige historische Gebäude wurden originalgetreu wieder aufgebaut und befinden sich größtenteils in der Oberstadt/Altstadt. Die Altstadt ist nicht sehr groß und kann wunderbar zu Fuß erkundet werden.

Ausgangspunkt für unsere Erkundungstour ist der Freiheitsplatz mit der Heilig-Geist-Kathedrahle mit ihren zwei Zwiebeltürmchen. Nur ein paar Meter weiter, auf der Prachtallee des Lenin-Prospekts, befindet sich das wiederaufgebaute Rathaus und die katholische Mariä-Namen-Kathedrale.

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Die Altstadt von Minsk mit der Heilig-Geist Kathedrale im Hintergrund.

Während des zweiten Weltkrieges wurde die Innenstadt von Minsk fast vollständig zerstört. Nach dem Krieg blieb Belarus weiter Teil der Sowjetunion und der Wiederaufbau der Stadt demnach vom sowjetischen Stil geprägt: Breite Straßen im Sachbrettmuster, viele Parks, Vorzeigeprachtbauten, beeindruckende Monumente und riesige Plätze.

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Der Unabhängigkeitsplatz.
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Der Unabhängigkeitsplatz mit einem Einkaufszentrum im Untergrund.

Außerhalb der Altstadt findet man noch viele wuchtige Monumentalbauten. Während alle Erinnerungen an den Sowjetischen Diktator Stalin in den 60er Jahren entfernt wurden, ist Lenin in der Stadt noch allgegenwärtig. Wir erreichen das Regierungsviertel am Leninplatz, oder Unabhängigkeitsplatz, wie er jetzt heißt. Das weißrussische Regierungsgebäude ist ein großer klobiger Block mit einer Leninstatue davor. Auch andere Namen der Sowjetzeit sind geblieben. Wie der des weißrussischen Geheimdienstes KGB, die am Unabhängigkeitsplatz ihren Hauptsitz hat.

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Die riesige Lenin Statue am Unabhängigkeitsplatz.

Die langen Prachtstraßen, Prospekte genannt, führen schnurgerade durch die Stadt. Unser Spaziergang führt uns weiter entlang des Nyezalyezhnastsi Prospekts, der Hauptverkehrsstraße des Stadtzentrums. Bald erreichen wir den Oktoberplatz mit dem „Palast der Republik“ – zentraler Ort für Kundgebungen.

Essen gehen in Minsk

Zeit, die belorussische Küche auszuprobieren. In Restaurant Kuhmistr bestelle ich das einzige vegetarische Hauptgericht Draniki: Eine Art Kartoffelpfannkuchen mit Sour Cream. Mein Fazit: Fettig aber lecker. Das authentische weißrussische Essen ist hervorragend. Das Kuhmistr hat ein traditionelles rustikales Ambiente, sehr nettes Personal und gute Preise.

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Sehr lecker: Vegetarische Draniki.

Weitere Sehenswürdigkeiten

Wir gehen in den Gorky-Park, der zu den schönsten der Stadt zählen soll. Der Gorky Park ist wie sein Vorbild aus Moskau ein Vergnügungspark der Sowjetzeit. Hier befindet sich u.a. ein kleiner veralteter Rummelplatz und Stände, an denen Popcorn und Zuckerwatte verkauft werden.

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Der Gorky Park mit Riesenrad.

Wir verlassen den Park und laufen zurück Richtung Hotel. Wir stehen an der vulitsa Kamunistychnaja 4 vor der Wohnung von Lee Harvey Oswald, dem Kennedy Attentäter, der hier ab 1960 im Erdgeschoss gewohnt hat.

U-Bahn fahren in Minsk

Das Metro-Netzwerk ist gut ausgebaut. Eine einfach Fahrt kostet 6000 BYR (Stand 08/2018), egal wie weit man fährt. Es gibt zwei U-Bahn-Linien, rot und blau. Umsteigen zwischen den beiden Linien ist bei der Haltestelle Kastrychnitskaya/ Kupalauskaja (Leninplatz) möglich.

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Die imposante U-Bahn in Minsk erinnert an die von Kiew. Hinten erkennt man eine Wandverzierung mit Hammer und Sichel.

Das wohl skurrilste Monument ist wohl das der Solidarität. Das sowjetische Monument zeigt Arbeiter, die ein glorreiches kommunistisches Paradies anstreben – oder so ähnlich. Es befindet sich auf dem Dach eines KFCs. Kommerz trifft Kommunismus.

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Kommerz trifft Kommunismus.

Mein Fazit von Minsk

Für mich ist Weißrussland ein kleiner Geheimtipp – aber nicht für Jeden.

Der internationale Ruf von Belarus ist nicht sehr gut und wird oft als „Letzte Diktatur Europas“ bezeichnet. Mit Nordkorea ist Minsk aber nicht zu vergleichen. Die großen Regierungsgebäude und -Plätze im sowjetischen Stil verkörpern zwar ein ähnlichen Größenwahn aber das wars dann auch. 

Was Belarus so besonders macht? Die Mischung aus modernem Europa und Sowjetunion. Das Stadtbild mit der sowjetischen Architektur macht Minsk so besonders. Dabei ist die Hauptstadt von Belarus ist nicht so trostlos wie viele vielleicht denken. Minsk ist modern, hipp und unheimlich sauber. Überall findet man süße charismatische Cafes, Restaurants.
Die Mode ist der von anderen europäischen Städten sehr ähnlich. Es ist Sommer und die Bürgersteige voller Leute. Sie tragen ausgefallene Frisuren, hippe Retro-Kleidung und tippen auf ihrem Smartphone.

Auch wenn Minsk nicht so viele Sehenswürdigkeiten hat wie andere europäische Städte, ist es interessant für alle, die sich für die Sowjet- und Lukatschenko-Zeit interessieren.

Es gibt viele Parks und Grünflächen, die ein schöner Kontrast zu den sowjetischen Bauwerken sind. Nie hätte ich mit einer solch grünen Stadt mit so vielen Parks gerechnet.

Das Land scheint sich langsam öffnen zu wollen, was nicht zuletzt die Einführung des 5-Tage Visums zeigt.

 

Kosten

Die Lebenshaltungskosten in Minsk sind sehr günstig. Eine Fahrt mit der Metro kostet nur ein paar Cent, für Essen und Getränke im Restaurant zahlt man selten mehr als 10 Euro. Während die Preise in Minsk im Vergleich mit dem dortigen Durchschnittslohn echt hoch sind, werden andere das Land also sehr preisgünstig empfinden.

Anreise

Ich bin mit dem Flugzeug von München nach Minsk geflogen mit Zwischenstopp in Wien.

Sprache

Die meisten Einheimischen sprechen kein Englisch. Die meisten Schilder in Minsk sind auf kyrillisch. Ohne jegliche Russischkenntnisse könnte die Verständigung schwierig werden.

Essen

Die weißrussische Küche ist sehr fleischlästig aber es gibt zumindest auch oft eine kleine Auswahl an vegetarischen Speisen. In vielen Restaurants sind die Karten auch auf Englisch.

Birkensaft
Birkensaft wird aus Birke gezapft. Der Saft einer Birke enthält wesentlich mehr Inhaltsstoffe und Mineralien als „normales“ Wasser. Wie beispielsweise Eiweißstoffe, Salze, pflanzliche Säuren und Traubenzucker. Ich finde es lecker.

Draniki
Belorussischer Kartoffelpuffer

Borschtsch
Warme oder kalte Rote-Bete-Suppe

Kwas
Ein alkoholfreies Getränk auf Basis von Brot. Schmeckt etwas wie unser Malzbier.

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