In den Sommermonaten werden Tagesbootstouren zu den Pyramiden und nach Barentsburg angeboten. Schon vor meiner Reise hatte ich gelesen, dass Bootstouren die perfekte Möglichkeit sind, um Svalbards Tierwelt zu entdecken – darunter Wale, Eisbären, Seelöwen, Walrosse und zahlreiche Vogelarten. Offizielle Eisbärenexpeditionen werden allerdings nicht angeboten – was ich persönlich auch gut finde. Stattdessen braucht man einfach Glück, bei einer der anderen Touren einen Eisbären zu Gesicht zu bekommen.
Ein Ausflug nach Barentsburg stand ursprünglich gar nicht auf meinem Reiseplan. Aber in Svalbard muss man flexibel sein, denn hier kommt meistens alles anders als gedacht. Eigentlich hatte ich für diesen Tag eine Tour mit einem Elektrokatamaran durch den Fjord gebucht, bekam jedoch am Abend zuvor eine SMS, dass die Tour wegen zu viel Eis im Hafen abgesagt werden musste.
Also: Was nun?
Ich durchforstete spontan das Internet nach einer Alternative für den nächsten Tag. Da ich nur zwei volle Tage auf Svalbard hatte, wollte ich natürlich möglichst viel erleben und nichts verpassen.
Schließlich entschied ich mich für eine Bootstour mit dem Anbieter Henningsen Transport and Guiding zur russischen Bergbausiedlung Barentsburg. Der Preis lag bei 2.300 NOK, also etwa 193,50 Euro. Ich war zunächst etwas hin- und hergerissen, ob ich in der aktuellen Zeit wirklich eine russische Stadt besuchen wollte. Gleichzeitig wollte ich aber unbedingt eine Bootstour machen – und zumindest die Chance haben, vielleicht einen Eisbären zu sehen.
Und tatsächlich: Die spontane Buchung klappte. Am nächsten Morgen werde ich pünktlich um 8:30 Uhr von meiner Unterkunft abgeholt und zum Hafen gebracht, wo wir schließlich das Boot besteigen.
Mit dem Boot durch den vereisten Isfjord nach Barentsburg
Die Fahrt aus dem Hafen hinaus dauerte wegen der dicken Eisschichten deutlich länger als erwartet und war stellenweise ziemlich wackelig – aber gleichzeitig auch unglaublich schön. Wir nehmen Kurs auf Barentsburg und den Esmark-Gletscher.


Während der Fahrt erzählt ein Guide viel über die Natur, Tierwelt und Geschichte Svalbards und beantwortet geduldig alle Fragen der Passagiere. Gegen Mittag wird außerdem ein Mittagessen an Bord serviert. Wer möchte, kann vorab auch eine vegetarische Variante für einen Aufpreis von 50 NOK pro Person bestellen.
Trotz der klirrenden Kälte halte ich mich die meiste Zeit auf dem Sonnendeck auf und halte Ausschau nach der arktischen Tierwelt. Und wer weiß – vielleicht streift mit etwas Glück sogar ein Eisbär über den Gletscher.



Der Himmel ist zwar dicht bewölkt, doch ich kann kaum aufhören zu fotografieren. Die Landschaft, die gewaltigen Schneemassen und das Eis sind einfach atemberaubend. Wir fahren entlang des beeindruckenden Isfjords – dessen Name übersetzt schlicht „Eisfjord“ bedeutet – bis wir nach etwa zwei Stunden schließlich Barentsburg erreichen.
Die sowjetisch geprägte Siedlung liegt rund 60 Kilometer von Longyearbyen entfernt am Grønfjord, einem Seitenarm des Isfjords.
Barentsburg und Sowjetcharme in der Arktis
Barentsburg ist die letzte verbliebene russische Siedlung auf Spitzbergen. Bereits am Hafen werden wir von zwei Bewohnerinnen empfangen, die uns etwa eine Stunde lang durch den Ort führen und viele Hintergrundinformationen vermitteln. Anschließend bleibt noch genügend Zeit, Barentsburg auf eigene Faust zu erkunden.
Barentsburg ist nicht die erste ehemalige Sowjetstadt, die ich besuche – doch mitten in der arktischen Eislandschaft wirkt dieser Ort völlig surreal. Teilweise fühlt es sich fast wie eine Geisterstadt an.


Durch den Spitzbergenvertrag erhielt Russland im Jahr 1920 das Recht, auf Spitzbergen Bergbau zu betreiben. Seit 1932 wird in Barentsburg durch die sowjetische Firma Arktikugol – übersetzt etwa „arktische Kohle“ – Kohle abgebaut.
Benannt wurde die Stadt nach dem niederländischen Entdecker Willem Barentsz. Obwohl Barentsburg nach Longyearbyen die zweitgrößte Siedlung Svalbards ist, leben hier Stand 2024 nur noch rund 300 Menschen. Ursprünglich arbeiteten hier vor allem russische und ukrainische Bergarbeiter im Kohlebergbau. Seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine haben jedoch viele Ukrainer Svalbard verlassen.
Das Stadtbild wird geprägt von der großen Mine, einigen verlassenen Gebäuden und vor allem von den zahlreichen Bauten im sowjetischen Stil. Natürlich darf auch die Lenin-Statue im Zentrum nicht fehlen. Außerdem gibt es hier eine eigene Brauerei, ein Hotel, eine Schule und sogar ein Postamt.
Am Rande der Siedlung beginnt das Eisbärenland
Obwohl Longyearbyen und Barentsburg nur etwa 60 Kilometer voneinander entfernt liegen, gibt es keine befestigte Straße zwischen den beiden Orten. Im Sommer erfolgt die Verbindung per Schiff oder Helikopter, im Winter mit Schneemobilen oder Hundeschlitten.
Während des Rundgangs erklärt uns die junge Frau mit russischem Akzent außerdem, dass in Barentsburg kein Bargeld akzeptiert wird und stattdessen alles über interne Geldkarten läuft. Mit diesen bezahlt man auch im kleinen Dorfladen, der zwar nur ein begrenztes Sortiment führt, aber individuelle Bestellungen entgegennimmt.
Nach der Führung bleibt noch etwas freie Zeit, um die kleine Siedlung alleine zu erkunden. Ich spaziere durch die Straßen zu den Wohnblöcken mit der riesigen Lenin-Statue davor.

Eine Mitarbeiterin des Bootsunternehmens hatte uns zuvor den Tipp gegeben, rund um die Wohnblöcke und das Kantinengebäude nach Polarfüchsen Ausschau zu halten. Die Gebäude stehen auf Stelzen, damit der Permafrostboden nicht auftaut. Polarfüchse streifen hier wohl regelmäßig herum, in der Hoffnung, Essensreste zu finden.
Ich entdecke zwar zahlreiche kleine Fußspuren im Schnee – aber leider keinen einzigen Polarfuchs.
Nach einem letzten Spaziergang entlang des Hafens kehre ich schließlich zurück aufs Schiff. Am späten Nachmittag kämpft sich das Boot bei leichter Dämmerung wieder durch den Fjord zurück nach Longyearbyen. Das Eis hatte sich inzwischen deutlich gelockert, sodass die Rückfahrt überraschend schnell verging.
Auch wenn wir an diesem Tag keinen Eisbären zu Gesicht bekommen haben, war die Tour ein unvergessliches Erlebnis. Uns begegneten Walrosse, zahlreiche Vögel und beeindruckende Gletscherlandschaften – und genau das machte die Fahrt durch die arktische Wildnis so besonders.
Barentsburg war ursprünglich nie Teil meines Reiseplans. Rückblickend wurde genau dieser spontane Ausflug zu einem der faszinierendsten Erlebnisse meiner Zeit auf Svalbard.



Weitere Impressionen von der Bootsfahrt und Barentsburg



































