Gorilla-Trekking in Uganda – Ein Tag, den ich nie vergessen werde

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Der Morgen, auf den ich so lange gewartet habe, ist da. Die Nacht war ruhig und überraschend angenehm. Das Prasseln des Regens auf das Dach meiner kleinen Hütte erinnerte mich immer wieder daran, dass ich mitten im Regenwald schlafe. Irgendwie unglaublich beruhigend. Trotz der nervösen Vorfreude auf den nächsten Tag schlafe ich schnell ein – mit dem Gedanken, dass morgen einer der größten Träume meines Lebens in Erfüllung gehen wird.

Der Wecker klingelt früh. Draußen ist es noch dunkel, als ich vorsichtig die Vorhänge zur Seite schiebe.

Kein Regen. Zumindest im Moment. Ein gutes Zeichen.

Nach einem schnellen Frühstück bekomme ich noch ein Lunchpaket in die Hand gedrückt. Mein Guide wartet bereits und gegen sieben Uhr machen wir uns auf den Weg zum Uganda Wildlife Authority Centre (UWA) im Nkuringo-Sektor des Bwindi Impenetrable National Parks.

Mein Gorilla-Trekking-Permit gilt nämlich ausschließlich für diesen Sektor. Der Bwindi Impenetrable National Park ist in vier Trekking-Sektoren unterteilt: Buhoma, Ruhija, Rushaga und Nkuringo. Wer ein Permit bucht, entscheidet sich also bereits Monate im Voraus für einen ganz bestimmten Parkabschnitt. Mein Permit hat stolze 800 US-Dollar gekostet.

Als wir ankommen, herrscht bereits reges Treiben. Eigentlich soll man schon um 7:30 Uhr da sein.

Wir sind etwas zu spät dran, doch zum Glück habe ich noch nichts Wichtiges verpasst. Auf einer Wiese vor dem Parkplatz werden die wartenden Besucher gerade noch mit traditionellen Tänzen und Gesang unterhalten.

Überall stehen Menschen in Wanderschuhen, Regenjacken und mit Kameras um den Hals. Viele von ihnen wirken aufgeregt. Wahrscheinlich haben auch sie sich vorher informiert und wissen, dass das Trekking anspruchsvoll werden kann. Nach den starken Regenfällen der letzten Tage dürfte es heute außerdem extrem rutschig werden.

Die Einweisung

Bevor wir loslaufen dürfen, versammeln sich alle Teilnehmer zu einer kurzen Einweisung.

Natürlich hatte ich mich schon vor dieser Reise intensiv mit dem Gorilla-Trekking beschäftigt. Eigentlich sogar Jahre bevor ich die Reise überhaupt gebucht hatte. Trotzdem ist es noch einmal etwas völlig anderes, hier zu stehen und den Rangern zuzuhören. In diesem Moment wird mir noch einmal bewusst, wie außergewöhnlich diese Begegnung eigentlich ist.

Im gesamten Nationalpark leben heute rund 450 Berggorillas, verteilt auf 31 Familien. Allerdings sind längst nicht alle an Menschen gewöhnt. Nur 15 dieser Familien wurden über zwei bis drei Jahre langsam an die Anwesenheit von Menschen gewöhnt und dürfen überhaupt von Besuchern aufgesucht werden. Die übrigen Gorillafamilien leben weiterhin vollkommen wild und haben keinen Kontakt zu Touristen.

Jede dieser Gorillafamilien darf nur einmal pro Tag von einer einzigen Gruppe mit maximal acht Personen besucht werden – und das auch nur für eine Stunde.

800 US-Dollar für gerade einmal eine Stunde bei den Gorillas? Ja. Und ehrlich gesagt finde ich das genau richtig. Denn genau diese strengen Regeln sorgen dafür, dass die Tiere möglichst wenig gestört werden.

Wir erhalten noch einige wichtige Verhaltensregeln. Während der Begegnung müssen wir mindestens zehn Meter Abstand zu den Gorillas halten, dürfen sie selbstverständlich niemals berühren und sollten uns ruhig verhalten. Während des Besuchs müssen wir eine Mundschutzmaske tragen. Unsere DNA stimmt zu rund 98 Prozent mit der der Berggorillas überein – entsprechend leicht können wir Krankheiten auf die Tiere übertragen.

Während der Einweisung erzählen uns die Ranger außerdem vom sogenannten „African Helicopter“. So nennen sie hier scherzhaft eine Gruppe von Portern, die im Notfall mit einer Trage losgeschickt wird, um erschöpfte oder verletzte Teilnehmer aus dem Regenwald zu tragen. Ganze acht Männer werden dafür benötigt – Kostenpunkt: rund 600 US-Dollar.

Dass der „African Helicopter“ nur wenige Stunden später tatsächlich zum Einsatz kommen wird, ahnt allerdings noch niemand.

Im Nkuringo-Sektor leben aktuell vier an Menschen gewöhnte Gorillafamilien. Das bedeutet gleichzeitig, dass heute maximal 32 Besucher die Möglichkeit bekommen werden, Berggorillas zu sehen. Die Ranger teilen uns in vier Gruppen auf – eine Gruppe für jede Gorillafamilie.

Ich hatte vor meiner Reise gelesen, dass die Ranger bei der Einteilung durchaus auf Alter und körperliche Fitness achten. Manche Gorillafamilien halten sich deutlich weiter entfernt oder in wesentlich steilerem Gelände auf als andere. Je nachdem, wo sich die Tiere gerade befinden, kann die Wanderung zwischen einer und acht Stunden dauern.

Als ich schließlich meiner Gruppe zugeteilt werde, muss ich innerlich etwas schmunzeln. Ich gehöre zu den Jüngeren. Offenbar wirke ich also älter oder unsportlicher, als ich dachte.

Sollte ich mir jetzt Sorgen machen oder mich lieber darüber freuen, dass ich vermutlich einen etwas einfacheren Trek vor mir habe?

Unsere Gruppe bekommt die Posho-Familie zugewiesen.

Unsere Gruppe besteht aus einem Ranger, der uns heute begleiten wird, zwei bewaffneten Rangern und uns acht Touristen – die ganz offensichtlich verrückt genug sind, eine lange Reise und unglaublich viel Geld in die Hand zu nehmen, nur um eine der letzten Berggorillafamilien der Welt in ihrem natürlichen Lebensraum aufzuspüren.

Die letzten Vorbereitungen

Ich trage eine Trekkinghose, Wanderschuhe und eine Regenjacke. In meinem Rucksack befinden sich meine Kamera, das Lunchpaket, mehr als genug Wasser, zwei Mundschutzmasken und meine extra für diese Reise gekauften, atmungsaktiven Gartenhandschuhe. In mehreren Reiseberichten hatte ich gelesen, dass sie im dichten Gestrüpp Gold wert sein sollen, weil man sich ständig an Ästen und Dornen festhalten muss.

Eigentlich fühle ich mich gut vorbereitet. Dass ich den Regen an diesem Tag trotzdem gewaltig unterschätzen werde, ahne ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht.

Bevor wir aufbrechen, schnappt sich jeder von uns noch einen hölzernen Wanderstock.

Endlich geht es los

Kurz nach acht Uhr bringt uns mein Fahrer gemeinsam mit dem Ranger, der uns heute begleiten wird, und zwei bewaffneten Rangern zum eigentlichen Startpunkt.

Warum bewaffnet? Nicht wegen der Gorillas.

Die Gewehre dienen vielmehr dem Schutz vor Waldelefanten oder Büffeln, denen man ebenfalls begegnen könnte.

Dort angekommen warten bereits zahlreiche Einheimische, die ihre Hilfe als Porter anbieten. Für 25 US-Dollar tragen sie nicht nur den Rucksack, sondern helfen ihren Gästen unterwegs auch über besonders schwierige Passagen. Ich überlege kurz, weil man damit natürlich gleichzeitig die Einheimischen unterstützt. Aber mein Tagesrucksack ist leicht, also lehne ich dankend ab.

Wir schnappen uns unsere Wanderstöcke und laufen los.

Der Marsch durch den Bergregenwald

Der erste Teil der Wanderung fühlt sich fast überraschend harmlos an.

Zunächst führt uns der Weg erst einmal steil an einer kleinen Baustelle bergab, bevor wir einen Feldweg erreichen. Wir laufen einen Feldweg entlang, vorbei an einer kleinen Farm und terrassenförmig angelegten Feldern. Bis hierhin wirkt die Wanderung noch überraschend einfach.

Der dichte Bergregenwald des Bwindi Nationalparks – Heimat der letzten Berggorillas.
Der dichte Bergregenwald des Bwindi Nationalparks – Heimat der letzten Berggorillas.

Die beiden bewaffneten Ranger laufen zügig voraus, gefolgt von unserem Guide und uns acht Teilnehmern.

Unser Guide und die beiden Ranger tragen Gummistiefel, während wir Touristen alle in unseren Wanderschuhen stecken. Trotzdem legen sie ein erstaunlich hohes Tempo vor.

Zu diesem Zeitpunkt weiß noch niemand, wo sich die Gorillas überhaupt befinden.

Zwischen einer Wanderung von einer Stunde und einer achtstündigen Tour ist alles möglich.

Inzwischen sind wir schon fast eine Stunde unterwegs. Unser Ranger läuft dabei erstaunlich zielstrebig voraus – obwohl doch eigentlich noch niemand weiß, wo sich die Posho-Familie gerade aufhält.

Irgendwann frage ich ihn schließlich, woher wir überhaupt wissen, dass wir in die richtige Richtung laufen. Er lächelt nur und zeigt auf sein Funkgerät. Die sogenannten Tracker sind bereits seit sieben Uhr morgens unterwegs. Ihre Aufgabe ist es, die Gorillafamilien aufzuspüren und ihren aktuellen Standort per Funk an unseren Ranger weiterzugeben. “Ich vertraue ihnen einfach”, sagt er lächelnd. Bis zu diesem Moment bin ich davon ausgegangen, dass die Tracker die Gorillas längst gefunden haben müssen.

Die Tracker beginnen ihre Suche jeden Morgen dort, wo die Gorillas am Abend zuvor zuletzt gesehen wurden. Von dort folgen sie frischen Spuren, abgeknickten Ästen und den Fressplätzen der Familie. Würde man die Tiere mehrere Tage nicht aufsuchen, könnte es Wochen dauern, sie wiederzufinden.

Dabei geht es aber längst nicht nur darum, den Touristen die Suche zu erleichtern.

Die Tracker besuchen die Gorillas jeden einzelnen Tag – selbst dann, wenn überhaupt keine Touristen im Park sind. Gerade während der Regenzeit kommt das offenbar häufiger vor, als ich gedacht hätte. Sie kontrollieren, ob alle Tiere gesund sind, ob sich die Familie normal verhält oder ob vielleicht ein verletzter oder kranker Gorilla Hilfe benötigt.

Auch die Tracker haben die Posho-Familie bisher noch nicht gefunden.

Deshalb gibt es beim Gorilla-Trekking keinen festen Wanderweg, kein Ziel, das im Voraus feststeht und auch keinen Zeitplan. Zwischen einer Wanderung von einer Stunde und einer achtstündigen Tour ist alles möglich.

Noch ist der Weg noch halbwegs angenehm zu laufen. Zwar muss man mal unter umgefallenen Baumstämmen hindurch oder über einen größeren Abgrund auf die andere Seite springen aber das Terrain ist noch überraschend einfach.

Noch ahnt niemand, wie lange wir heute unterwegs sein werden.
Noch ahnt niemand, wie lange wir heute unterwegs sein werden.

Trotzdem merkt man schnell, dass nicht jeder in unserer Gruppe das Tempo problemlos mithalten kann. Einige bleiben immer wieder zurück und entschuldigen sich fast schon dafür, dass sie uns aufhalten. Man merkt ihnen an, wie unangenehm ihnen das ist. Niemand möchte ausgerechnet heute derjenige sein, wegen dem die Gruppe langsamer vorankommt.

Während wir weiter den Hängen entlanglaufen, knistert immer wieder das Funkgerät unseres Rangers. Jedes Mal frage ich aufgeregt nach, ob die Tracker die Gorillas inzwischen gefunden haben. Aber nein. Noch nicht. Immerhin haben sie bereits frische Spuren entdeckt.

Je weiter wir laufen, desto gespannter werde ich.

Nachdem es mal wieder im Funkgerät knistert und sich ausgetauscht wurde, erzählt mir unser Guide, dass die Familie gefunden wurde. Sie sind ganz in der Nähe. Halleluja. Mittlerweile sind wir schon über eine Stunde gelaufen. Auf meinem Gesicht breitet sich ein breites Grinsen aus und in unserer Gruppe verändert sich die Stimmung.

Nur wenige Minuten später verlassen wir den Feldweg und biegen links in den dichten Bergregenwald ein. Innerhalb weniger Schritte verschluckt uns der Wald und von einer Sekunde auf die andere verändert sich das Gelände komplett.

Der Boden wird steil. Rutschig. Überall liegen Wurzeln und wir stolpern unserem Guide durch das dichte Gestrüpp hinterher. Wie macht er das nur in seinen Gummistiefeln ohne jegliches Profil?

Jetzt verstehe ich auch, warum dieser Wald Impenetrable Forest heißt. Wir klettern den Hang hinunter und versuchen uns an allem festzuhalten, was irgendwie Halt verspricht. Genau hier bin ich plötzlich unglaublich froh über meine Gartenhandschuhe. Viele der Äste und Sträucher haben Dornen und ohne Handschuhe wären meine Hände vermutlich schon nach wenigen Minuten völlig zerkratzt.

Unser Guide und die Ranger tragen alle Gummistiefel und bewegen sich scheinbar mühelos durch den steilen Hang.

Ich dagegen bin vor allem damit beschäftigt, nicht auszurutschen.

Kurz darauf bleiben plötzlich alle stehen. Vor uns warten zwei Männer. Es sind die Tracker.

Unser Guide schaut uns grinsend an. “Was glaubt ihr, warum sie hier stehen?”

Ich muss nicht lange überlegen. “Wir sind bei den Gorillas angekommen.”

Er nickt. Nur noch etwa hundert Meter.

Schlagartig steigt die Aufregung.

Unser Guide gibt uns noch einen letzten Moment. Wer jetzt noch etwas trinken oder etwas aus dem Rucksack holen möchte, sollte das tun. Ab jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Unsere Wanderstöcke lassen wir bei den Portern zurück, damit wir die Tiere nicht erschrecken.

Ab jetzt übernehmen die Tracker.

Wo kein Durchkommen mehr ist, schlagen die Ranger mit ihren Macheten einen schmalen Weg durch das Dickicht und führen uns so weiter den Abhang hinunter.

Mein Herz schlägt mittlerweile schneller als nach der ganzen Wanderung.

Jahrelang habe ich von diesem Moment geträumt.

Und jetzt trennen mich nur noch wenige Meter von den letzten Berggorillas der Welt.

Eine Stunde mit den letzten Berggorillas der Welt

Dann bleibt der Tracker plötzlich stehen.

Er hebt langsam den Arm und zeigt lautlos nach oben. Ich folge seinem Blick. Zwischen den Blättern erkenne ich etwas Schwarzes.

Für einen kurzen Moment brauche ich, um zu begreifen, was ich da gerade sehe.

Ein Gorilla. Mein erster wilder Berggorilla.

Es ist Magara, der mächtige Silberrücken der Posho-Familie. Hoch oben sitzt er in einem Baum und beobachtet aufmerksam seine Familie unter sich. Oh mein Gott.

Der mächtige Silverback beobachtet aufmerksam seine Familie.
Der mächtige Silverback beobachtet aufmerksam seine Familie.
Der Silberrücken ist der unangefochtene Anführer der Gorillafamilie.
Der Silberrücken ist der unangefochtene Anführer der Gorillafamilie.

Der Moment, auf den ich so viele Jahre gewartet habe, ist endlich da.

Wir gehen noch ein Stück weiter den steilen Hang hinunter.

Ohne Wanderstock und Handschuhe ist das plötzlich gar nicht mehr so einfach. Ich versuche, nicht auszurutschen, während mein Blick ständig zwischen dem Boden und den Gorillas hin- und herspringt.

Dann entdecke ich die ersten Tiere am Boden. Ein Weibchen macht es sich zwischen den Blättern gemütlich. Ein kleiner Gorilla sitzt etwas weiter hinten und schaut neugierig in unsere Richtung, während er genüsslich auf Blättern herumkaut.

Die Haltung der beiden wirkt fast menschlich – als würde die Mutter aufmerksam zuhören.
Die Haltung der beiden wirkt fast menschlich – als würde die Mutter aufmerksam zuhören.
Während das Jungtier neugierig an Ästen knabbert, behält die Mutter es aufmerksam im Blick.
Während das Jungtier neugierig an Ästen knabbert, behält die Mutter es aufmerksam im Blick.
Zwischen Spielen und Entdecken wird auch mal kurz pausiert.
Zwischen Spielen und Entdecken wird auch mal kurz pausiert.
Einfach zum Verlieben.
Einfach zum Verlieben.

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Da wir zu acht auf einem steilen Hang stehen, umgeben von dichtem Gestrüpp, versucht natürlich jeder, einen möglichst guten Blick auf die Gorillas zu bekommen. Da denkt nicht jeder daran, ob die Person hinter ihm gerade noch etwas sehen kann.

Oft sehe ich deshalb mehr Rücken anderer Fotografen als Gorillas und kann nur erahnen, was sich gerade hinter den Blättern abspielt.

Aber ich versuche mich darüber gar nicht zu ärgern. Die Tiere bleiben schließlich nicht an einer Stelle. Irgendwann werde auch ich meine Chance bekommen.

Gute Fotos zu machen, ist schwieriger als gedacht. Nicht nur wegen der vielen Äste. Die Gorillas sind außerdem ständig von unzähligen kleinen Fliegen umgeben. Bis heute habe ich nicht herausgefunden, warum.

Plötzlich knackt es über uns. Der Silverback Magara setzt sich in Bewegung.

Langsam klettert der riesige Silberrücken vom Baum herunter und läuft zu seiner Familie.

Fast augenblicklich folgen ihm auch die anderen Gorillas.

Ich schicke ein schnelles Gebet in den Himmel, dass es das jetzt bitte noch nicht gewesen sein soll.

Zum Glück dürfen wir ihnen folgen.

Mit etwas Abstand laufen wir hinter der Familie her, während die Ranger uns erneut mit ihren Macheten einen Weg durch das Dickicht schlagen. Einer der jungen Gorillas scheint allerdings ganz andere Pläne zu haben. Während der Rest der Familie gemächlich weiterzieht, klettert er über unseren Köpfen von Ast zu Ast und turnt verspielt durch die Bäume.

Ich könnte ihm stundenlang zusehen. Schließlich bleibt die Familie wieder stehen.

Offenbar haben sie ihren Platz für die Mittagspause gefunden. Langsam legen sich alle zwischen die Pflanzen und kommen zur Ruhe.

Ich halte mich etwas zurück. Nicht, weil ich keine besseren Fotos machen möchte, sondern weil ich die anderen nicht verdrängen wollte. Einer der Ranger bemerkt das offenbar. Er tippt mir auf die Schulter, lächelt kurz und schlägt mit seiner Machete ein kleines Sichtfenster durch das Gestrüpp – etwas abseits der anderen. Plötzlich habe ich freie Sicht.

Ganz entspannt kratzt sich der Gorilla am Fuß.
Ganz entspannt kratzt sich der Gorilla am Fuß.
Die Ruhe der Gorillas war unglaublich beeindruckend.
Die Ruhe der Gorillas war unglaublich beeindruckend.

Und erst jetzt entdecke ich etwas, das mir vorher völlig entgangen war. Neben der schlafenden Mutter liegen gleich zwei winzige Gorilla-Babys. Später erzählt uns unser Guide, dass das jüngste gerade einmal drei Monate alt ist.

Immer wieder versucht das Kleine, an seiner Mutter hochzuklettern. Und immer wieder plumpst es wieder herunter.

Die Mutter hält dabei ganz selbstverständlich ihre Hand hinter den kleinen Rücken, damit das Hinfallen nicht so schmerzhaft wird.

Ich muss unwillkürlich lächeln.

Es sind genau solche Momente, in denen einem bewusst wird, wie ähnlich wir ihnen eigentlich sind.

Nicht umsonst teilen wir rund 98 Prozent unserer DNA.

Und genau deshalb fühlt sich diese Begegnung auch so unglaublich besonders an.

Während die Erwachsenen ruhen, scheint das Jungtier noch voller Energie zu sein.
Während die Erwachsenen ruhen, scheint das Jungtier noch voller Energie zu sein.
Plötzlich zeigt sich das jüngste Mitglied der Familie.
Plötzlich zeigt sich das jüngste Mitglied der Familie.
Für einen kurzen Moment lässt sich das kleine Gorillababy blicken.
Für einen kurzen Moment lässt sich das kleine Gorillababy blicken.

Der Rückweg

Doch irgendwann ist unsere Stunde vorbei.

Die Stunde vergeht wie im Flug. Gefühlt sind wir gerade erst angekommen, da drängt uns unser Guide schon zum Aufbruch. Widerwillig mache ich noch die letzten Fotos, bevor wir uns auf den Rückweg machen. Noch völlig benommen von dieser unglaublichen Begegnung kämpfen wir uns den steilen Hang wieder hinauf zu den wartenden Portern.

Plötzlich sehe ich sie.

Acht Männer mit einer Trage.

Der „African Helicopter“.

Noch vor wenigen Stunden mussten wir alle über den Namen schmunzeln. Jetzt ist er tatsächlich im Einsatz. Einer unserer Mitwanderer hat sich unterwegs verletzt und kann den steilen Abhang nicht mehr aus eigener Kraft bewältigen.

Die Porter geben uns unsere Wanderstöcke zurück, die hier auf uns warten. und wir beginnen den anstrengenden Aufstieg. Eigentlich ist der Rückweg sogar deutlich schwieriger als der Abstieg. Immer wieder müssen wir uns an Ästen und Sträuchern festhalten, um überhaupt Halt zu finden.

So überwältigt ich von der letzten Stunde noch bin, nehme ich das alles nur am Rande wahr.

Was wir zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht wissen: Der anstrengendste Teil des Tages liegt noch vor uns.

Kurze Zeit später erreichen wir wieder den Feldweg. Nach einer kurzen Mittagspause auf Höhe der kleinen Farm, an der wir bereits auf dem Hinweg vorbeigekommen sind, zieht sich der Himmel innerhalb weniger Minuten komplett zu.

Dann öffnet er seine Schleusen.

Es regnet in Strömen.

Unsere Ranger ziehen sich gelassen ihre Regenhosen über – etwas, das ich leider nicht dabeihabe. Ich versuche nur noch, den Inhalt meines Rucksacks mit meiner Regenjacke zu schützen.

Obwohl die eigentliche Regenzeit noch gar nicht begonnen hat, ist dieser Regen heftiger als alles, was ich bisher erlebt habe.

Und ich stehe mittendrin.

Ich war doch so stolz, dass ich bis dahin überhaupt nicht mit Matsch eingesaut war.

Das ändert sich innerhalb weniger Minuten.

Der Weg verwandelt sich innerhalb kürzester Zeit in eine einzige Schlammrutsche. Überall ist es rutschig, meine neuen Wanderschuhe geben wirklich ihr Bestes, aber irgendwann müssen auch sie aufgeben.

Meine dicken Trekkingsocken sind inzwischen komplett durchnässt.

Ich bin unglaublich froh über meinen Wanderstock, der mir zumindest etwas Halt gibt. Umso mehr frage ich mich, wie unsere Guides mit ihren einfachen Gummistiefeln auf diesem Untergrund überhaupt sicher laufen können.

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Unser Ranger führt uns durch den völlig durchnässten Bwindi-Regenwald zurück.
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Der matschige Untergrund machte jeden Schritt zur kleinen Herausforderung.

Natürlich ist es im Regenwald nie wirklich trocken. Trotzdem gibt es je nach Jahreszeit Phasen, in denen die Wege deutlich einfacher zu begehen sind. Ich bin im Februar unterwegs – eigentlich während der kleinen Regenzeit, in der es meist nur am Nachmittag kurz regnet.

Heute scheint der Wettergott allerdings andere Pläne zu haben.

Gegen 13 Uhr erreichen wir schließlich wieder die Straße, an der wir am Morgen gestartet sind.

Unsere Gruppe hat sich inzwischen komplett auseinandergezogen. Einige sind vorausgeeilt, um sich möglichst schnell irgendwo unterstellen zu können. Andere kommen nur langsam voran und kämpfen sich Schritt für Schritt durch den tiefen Schlamm.

Ich liege irgendwo dazwischen.

Nach einer kurzen Verabschiedung von unseren Rangern und einer Übergabe unserer Zertifikate, steige ich wieder ins Auto.

Ich glaube, ich war noch nie in meinem Leben so nass.

Am Straßenrand stehen einige Kinder, beobachten uns neugierig und winken lachend herüber.

Bevor wir die rund sechs Stunden lange Rückfahrt nach Kigali antreten, bitte ich meinen Guide noch einmal kurz an der Lodge anzuhalten, damit ich mich umziehen kann.

Erst jetzt sehe ich, wie ich eigentlich aussehe.

Von oben bis unten durchnässt.

Überall Schlamm.

Noch weiß ich nicht, dass ich meine Kleidung bis zu meinem Rückflug trotz größter Mühe nicht mehr trocken bekommen werde.

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Meine Hose, meine Schuhe und eigentlich ich komplett – klitschnass und voller Schlamm.

Mein Fazit

Die vergangenen Stunden fühlen sich fast unwirklich an.

Es ist schwer zu beschreiben, was es mit einem macht, diesen unglaublichen Tieren so nah zu sein. Zu wissen, dass weltweit nur noch rund 1.000 Berggorillas leben und man für einen kurzen Moment Teil ihrer Welt sein durfte, ist ein Privileg, das ich wahrscheinlich nie vergessen werde.

Besonders beeindruckt hat mich, wie gelassen die Gorillas auf unsere Anwesenheit reagiert haben. Während wir sie voller Ehrfurcht beobachten, scheinen sie sich von uns kaum beeindrucken zu lassen. Das hektische Klicken unserer Kameras, das leise Flüstern der Gruppe – all das gehört für sie offenbar einfach dazu.

Und trotzdem hatte ich nie das Gefühl, dass diese Begegnung selbstverständlich ist.

Im Gegenteil.

Es fühlte sich eher so an, als hätten wir für einen kurzen Moment einen Blick in eine Welt werfen dürfen, die eigentlich den Gorillas gehört.

800 US-Dollar für gerade einmal eine Stunde bei den Gorillas?

Jahrelang war genau dieser Preis der Grund, warum dieser Traum für mich unerreichbar schien.

Heute würde ich keinen einzigen Dollar davon infrage stellen.

Nicht wegen der Fotos.

Nicht, weil ich einen weiteren Punkt auf meiner Bucket List abhaken konnte.

Sondern wegen dieses einen Gefühls, einem der seltensten Tiere unserer Erde in freier Wildbahn auf Augenhöhe begegnet zu sein.

Es gibt Reisen, die vergisst man irgendwann.

Und dann gibt es diese wenigen Momente, die für immer bleiben.

Die Stunde mit der Posho-Familie gehört für mich definitiv dazu. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich jedes Mal daran denken werde, wenn ich irgendwo das Prasseln von Regen auf einem Dach höre.

Nach diesem unvergesslichen Tag ging es für mich zurück nach Kigali. Warum sich die ruandische Hauptstadt viel mehr lohnt als nur als Zwischenstopp für das Gorilla-Trekking, erzähle ich euch im nächsten Teil meiner Uganda- und Ruanda-Reise.

Falls ihr meinen ersten Artikel noch nicht gelesen habt: Dort erzähle ich von meiner Anreise über Kigali bis zum Bwindi Impenetrable National Park und wie ich mich auf das Gorilla-Trekking vorbereitet habe.

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