Einer der seltsamsten und gleichzeitig faszinierendsten Orte der Welt, eine winzige Stadt in der nördlichen Arktis etwa auf halber Strecke zwischen dem norwegischen Festland und dem Nordpol: Die Rede ist von Longyearbyen, der nördlichsten Stadt der Welt und Hauptstadt des Inselarchipels Svalbard, das wir im Deutschen meist als Spitzbergen kennen.
Ein Ort, an dem es im Sommer auch in der Nacht taghell ist und sich die Sonne im Winter nie über den Horizont hinauskämpft. Ein Ort, an dem mehr Eisbären als Menschen leben, Einheimische mit Gewehren herumlaufen, beim Joggen eine Pistole im Hüfthalter mit sich tragen und wo jeder seine Haustür offen lässt, um andere bei einer Begegnung mit einem Eisbär zu Unterschlupf zu gewähren. Ein Ort, der ebenso bizarr wie faszinierend ist.
Flug in die Arktis – Ankommen auf Spitzbergen
Es ist der 30. April, kurz nach 11 Uhr, als das Flugzeug langsam zur Startbahn rollt und Richtung Longyearbyen abhebt. Ein Reiseziel, das schon unglaublich lange auf meiner Wunschliste steht, mir aber bisher immer zu teuer war. Ich kann es immer noch nicht ganz glauben: Es geht tatsächlich in die Arktis – nach Spitzbergen.
Wegen der schlechten Flugverbindungen habe ich die Nacht zuvor bereits in einem Flughafenhotel in Oslo verbracht. Ich fühle eine aufgeregte Vorfreude als der Flieger nach etwa drei Stunden Flugzeit in den Sinkflug geht und die dichte Wolkendecke durchbricht, sodass ich einen ersten Blick auf die verschneiten Berge erhaschen kann.
Allein der Ausblick aus dem Flugzeug ist schon so atemberaubend und fast surreal. Gewaltige weiße Bergketten, endlose Schneeflächen und dazwischen tiefblaue Fjorde.
Ich habe ein Dauergrinsen im Gesicht und fühle mich wie ein kleines Kind an Weihnachten, als wir schließlich auf dem kleinen Flughafen von Longyearbyen landen – umgeben von nichts als schneebedeckten Bergen und arktischer Wildnis. Selbst der Flughafen ist schon so toll!


Ankunft in Lonyearbyen und der Flughafenbus
Da ich nur mit Handgepäck reise, kann ich direkt an der Menschenmenge die am Gepäckband wartet vorbeigehen und draußen vor dem Flughafen schon ein erstes Foto eines „Achtung Eisbären“-Schildes machen.
Direkt vor dem Flughafen wartet auch schon der Flughafenbus. Dieser ist superpraktisch herrlich unkompliziert: Die Busse fahren passend zu jedem Flug, warten bis alle Passagiere ihr Gepäck abgeholt haben und fahren anschließend die Unterkünfte der Stadt ab. Die Fahrt kostet 100 NOK (ca. 8,50€) OneWay.

Good to know about Lonyearbyen & Spitzbergen
Lonyearbyen ist die Hauptstadt von Svalbard und hat etwa 2100 Einwohner. Auch wenn wir im Deutschen die Inselgruppe gerne einfach als “Spitzbergen” bezeichnen, ist Spitzbergen lediglich der Name der Hauptinsel, während Svalbard die ganze Inselgruppe umfasst.
Svalbard wird von Norwegen verwaltet, ist aber gleichzeitig eine visafreie Zone. Grundsätzlich darf hier jeder leben – vorausgesetzt, dass man sich das Leben vor Ort leisten kann. Und auch die Steuern die auf Spitzbergen eingenommen werden, bleiben dort.
Wenn man die Einwohner fragt, warum sie hier leben, erhält man oft sehr ähnliche Antworten die alle mit der einzigartigen Natur zu tun haben: Sie sind Outdoor-Tourguides oder arbeiten im Tourismus, sie betreiben wissenschaftlich Forschung oder studieren an der Universität Svalbard.
In der Hauptstadt Longyearbyen selbst ist “eisbärensichere Zone”. Außerhalb darf man sich nur mit mit entsprechender Ausrüstung oder einem bewaffneten Guide bewegen. Auch die Bewohner selbst tragen zum joggen außerhalb der Zone immer eine Waffe. Wo die eisbärensichere Zone außerhalb von Lonyearbyen endet, ist durch die „Achtung Eisbären“-Schilder gekennzeichnet.

Wohnen in einer ehemaligen Minenarbeiterbaracke
Für meine ersten Nächte habe ich mich für die Coal Miners’ Cabins entschieden – eine ehemalige Minenarbeiterunterkunft im Stadtteil Nybyen, etwa 30 Gehminuten vom Zentrum entfernt.
Wie fast überall auf Svalbard zieht man beim Betreten sofort die Schuhe aus und lässt sie im Eingangsbereich stehen. Schnee, Eis und Matsch gehören hier einfach zum Alltag.
Mein Zimmer ist klein und schlicht, das Bad teilt man sich mit dem Flur. Trotzdem wirkt alles gemütlich und überraschend angenehm.
Der Tag ist noch jung uns so mache ich mich nach einer kurzen Verschnaufpause auf dem Weg ins Zentrum von Longyearbyen und zum Supermarkt, um mich mit dem Nötigsten einzudecken. Die Preise im Supermarkt haben es natürlich in sich – schließlich muss hier nahezu alles importiert werden.





Bootstouren: Die beste Möglichkeit, Spitzbergens Tierwelt zu erleben
Schon vor meiner Reise hatte ich gelesen, dass Bootstouren die beste Möglichkeit sind, Spitzbergens Tierwelt zu entdecken – wie Wale, Walrosse, Robben, Vögel und mit etwas Glück sogar Eisbären.
Offizielle Eisbär-Touren gibt es allerdings nicht – was ich persönlich sehr gut finde. Stattdessen begegnet man den Tieren nur zufällig während anderer Expeditionen.
Und genau hier lerne ich schnell eine der wichtigsten Regeln Spitzbergens: Auf Svalbard kommt immer alles anders als geplant.
Wenn Touren plötzlich abgesagt werden
Für meinen zweiten Tag hatte ich ursprünglich bereits vorab online eine Tour mit einem Elektrokatamaran durch die Fjorde gebucht. Doch am Abend zuvor bekomme ich plötzlich eine SMS:
Zu viel Eis im Hafen. Die Tour fällt aus.
Also was nun? Ich sitze spätabends in meinem kleinen Zimmer und durchforste das Internet nach spontanen Alternativen für den nächsten Tag. Da ich nur wenige volle Tage auf Spitzbergen habe, möchte ich natürlich möglichst viel erleben und nichts verpassen.
Schließlich buche ich spontan eine Bootstour mit einem anderen Anbieter (Henningsen Transport and Guiding) zur russischen Bergbausiedlung Barentsburg für NOK 2300 etwa 193,50 €.
Rückblickend wird genau diese spontane Entscheidung zu einem der absoluten Highlights meiner Reise.


Eis und sowjetischem Flair: Barentsburg
Am nächsten Morgen werde ich bereits früh abgeholt und zum Hafen gebracht. Das Boot kämpft sich langsam durch dicke Eisschollen hinaus aus dem Fjord – eine Fahrt, die gleichzeitig wunderschön und leicht abenteuerlich ist.
Barentsburg selbst wirkt wie ein surrealer Ort mitten in der Arktis: sowjetische Wohnblöcke, eine riesige Lenin-Statue und russisches Leben umgeben von Eis, Schnee und Fjorden.
Zum ausführlichen Bericht über meine Bootstour nach Barentsburg geht es hier >
Pyramiden, Billefjord und ein wilder Eisbär
Doch auch an meinem nächsten Tag läuft nicht alles nach Plan.
Die für meinen dritten Tag auf Svalbard gebuchte Hiking-Tour wird am Tag zuvor abgesagt – also buche ich spontan wieder eine Bootstour. Diesmal geht es durch den Billefjord zum Nordenskiöld-Gletscher und der verlassenen sowjetischen Siedlung Pyramiden (mit Henningsen Transport and Guiding).
Und diesmal passiert etwas, worauf ich so sehr gehofft habe: Wir sehen tatsächlich einen wilden Eisbären.
Zum ausführlichen Bericht über meine Bootstour zum Billefjord geht es hier >


Umzug ins Mary-Ann’s Polarrigg
Nach meiner Rückkehr ziehe ich in eine andere Unterkunft näher am Stadtzentrum: das charmante Mary-Ann’s Polarrigg.
Auch diese Unterkunft war früher einmal eine Minenarbeiterbaracke, wurde jedoch mit unglaublich viel Liebe zum Detail in ein gemütlichen Guesthouse verwandelt. Besonders das Frühstück im Wintergarten ist fantastisch.
Direkt hinter der Unterkunft entdecke ich am Abend sogar mehrere kleine Spitzbergen-Rentiere mit ihren Jungtieren grasen.
Und zum ersten Mal seit Tagen kann ich dank der guten Verdunklungsrollos trotz Mitternachtssonne richtig gut schlafen.







Longyearbyen – klein aber unglaublich besonders
Am nächsten Morgen schlendere ich noch ein letztes Mal durch Longyearbyen, vorbei an bunten Häusern, kleinen Cafés und dem Hafen. Die Stadt wirkt gemütlich aber auch irgendwie surreal – denn nur wenige Kilometer außerhalb beginnt bereits die arktische Wildnis mit ihren Gletschern, Fjorden und Eisbären.
Am späten Nachmittag bringt mich der Flughafenbus schließlich zurück zum kleinen Flughafen am Rand der Stadt. Während das Flugzeug wenig später über die schneebedeckten Berge abhebt, wird mir klar, wie sehr mich dieser Ort beeindruckt hat.













Eis und sowjetischem Flair: Barentsburg


