Den Kosovo als Reiseland hatte ich ehrlich gesagt lange gar nicht richtig auf dem Schirm. Irgendwie hatte ich immer noch die Nachrichten vom Kosovokrieg im Kopf und das Land deshalb nie wirklich als Reiseziel in Betracht gezogen. Ein Flugschnäppchen hat mich dann schließlich für ein Wochenende dorthin verschlagen.
Der Kosovo ist der jüngste Staat Europas. Besonders in der Hauptstadt Pristina findet man noch viele Gebäude aus jugoslawischen Zeiten. Gleichzeitig stößt man überall auf unglaublich hippe Cafés, moderne Restaurants und bunte Street Art.

An einem Freitagabend sitze ich also im Flugzeug nach Pristina, wo ich gegen 19 Uhr lande. Vom Flughafen nehme ich den Bus 1A für 6 Euro in die Innenstadt. Schon auf dem Weg dorthin fällt mir auf, wie sehr die Kosovaren die USA verehren. Ich steige am Bill Clinton Boulevard aus und sehe die ersten von zahlreichen amerikanischen Flaggen am Straßenrand. Dass es hier sogar eine Bill-Clinton-Statue und eine Hillary-Boutique gibt, werde ich am nächsten Tag noch feststellen.

Ich beziehe mein Zimmer im netten Etnomania Boutique Hotel.

Am nächsten Morgen erwartet mich im Hotel ein gigantisches Frühstück. Viel zu viel. Ich entscheide mich für die lokalen Donuts, die frisch zubereitet werden und einen köstlichen Kaffee. Ich hatte schon vorab gelesen, dass der Kaffee hier extrem gut sein soll.

Nach dem Frühstück mache ich mich auf den Weg, Pristina zu erkunden. Besonders viele klassische Sehenswürdigkeiten hat die Stadt nicht zu bieten, aber langweilig wird es hier trotzdem nicht.

Mother Teresa Boulevard

Meine Erkundungstour starte ich am Mother Teresa Boulevard, der zentralen Fußgängerzone von Pristina. Hier reihen sich Cafés, Restaurants und Geschäfte aneinander.

Was mir sofort auffällt: Erstaunlich vieles ist hier auf Deutsch. An Häuserfassaden entdecke ich Schilder mit der Aufschrift „Reisen“ oder „Reisebüro“, auf einem Auto sehe ich die Aufschrift „Blumenhaus“. Vielleicht eine Art Markenzeichen für deutsche Qualität?

Ich schlendere den Boulevard entlang und überall duftet es herrlich nach frisch gerösteten Maronen. An zahlreichen kleinen Ständen werden sie verkauft.

Entlang des Boulevards steht auch eine Bronzestatue von Mutter Teresa. Die Friedensnobelpreisträgerin hatte albanische Wurzeln und wird im Kosovo besonders verehrt.

Überhaupt scheint sich das Leben in Pristina viel draußen abzuspielen. Die Menschen sitzen in den Cafés, treffen sich mit Freunden oder schlendern gemütlich durch die Fußgängerzone. Auch in den umliegenden Seitenstraßen ist einiges los.

Was mir allerdings ebenfalls auffällt, sind die vielen Bettler, denen ich im Zentrum begegne.

Newborn Monument und Heroinat Memorial

Vom Mother Teresa Boulevard laufe ich weiter zum Newborn Monument, dem wohl bekanntesten Wahrzeichen von Pristina.

Die riesigen Buchstaben mit der Aufschrift NEWBORN wurden anlässlich der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo am 17. Februar 2008 aufgestellt. Das Besondere daran ist, dass das Monument jedes Jahr von Künstlern neu gestaltet und bemalt wird. Dabei werden häufig aktuelle politische oder gesellschaftliche Themen aufgegriffen.

Als ich dort bin, stehen Frauen im Mittelpunkt der Gestaltung.

Direkt gegenüber befindet sich das Heroinat Memorial, ein Denkmal für die Frauen, die während des Kosovokriegs Opfer sexualisierter Gewalt wurden.

Auf den ersten Blick sieht es wie ein modernes Kunstwerk aus. Erst bei genauerem Hinsehen erkennt man das Gesicht einer Frau, das aus rund 20.000 kleinen Messingstiften zusammengesetzt ist. Die Zahl steht symbolisch für die geschätzte Anzahl der betroffenen Frauen.

Ich finde die beiden Kunstwerke ziemlich beeindruckend. Während das Newborn Monument die Unabhängigkeit des Landes symbolisiert, erinnert das Heroinat Memorial an eines der dunkelsten Kapitel seiner jüngeren Geschichte.

Nationalbibliothek des Kosovo – schön ist anders

Weiter geht es zur Nationalbibliothek des Kosovo. Und die ist architektonisch, sagen wir mal, etwas anders.

Das Gebäude befindet sich auf dem Gelände der Universität von Pristina und ist mit seinen 99 weißen Glaskuppeln und dem riesigen Metallgitter, das die gesamte Fassade umspannt, definitiv ein Hingucker.

Der britische Telegraph hat die Nationalbibliothek sogar einmal zu den hässlichsten Gebäuden der Welt gezählt.

Ganz so schlimm finde ich sie eigentlich nicht.

Über die symbolische Bedeutung der Kuppeln und des Metallgitters gibt es bis heute unterschiedliche Interpretationen. Während manche darin Elemente traditioneller albanischer Architektur erkennen, sehen andere einfach nur ein ziemlich eigenwilliges Gebäude.

Mutter-Teresa-Kathedrale

Nur ein paar Gehminuten von der Nationalbibliothek entfernt befindet sich die katholische Mutter-Teresa-Kathedrale, die 2017 fertiggestellt wurde.

Mit ihrem hohen Glockenturm gehört sie zu den markantesten Gebäuden der Stadt. Im Inneren ist die Kathedrale relativ schlicht gehalten. Große Fenster lassen viel Licht herein und sorgen für eine helle Atmosphäre.

Für einen Euro kann man mit dem Aufzug auf den Glockenturm fahren und hat von dort wohl eine tolle Aussicht über Pristina und die umliegenden Berge.

Allerdings ist rund um die Kathedrale gerade ziemlich viel Baustelle und ich verzichte auf den Aufstieg.

Beim Schlendern durch die Gegend fallen mir außerdem die vielen Straßenhunde auf. Erstaunlicherweise sehen die meisten ziemlich gepflegt aus.

Als ich mich gerade unterhalb der Kathedrale befinde, beobachte ich eine Frau, die mit einer großen Tüte Hundefutter aus ihrem Auto steigt. Sie läuft zu einem Platz, an dem sich mehrere Hunde aufhalten, und beginnt, sie zu füttern.

Es sieht ganz danach aus, als wäre sie extra deswegen hergefahren.

Bill Clinton Boulevard – die USA sind überall

Dass die USA im Kosovo einen besonderen Stellenwert haben, ist mir ja bereits bei meiner Ankunft aufgefallen. Spätestens am Bill Clinton Boulevard wird aber deutlich, wie groß die Verehrung tatsächlich ist.

Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton genießt im Kosovo bis heute große Beliebtheit. Während seiner Amtszeit griff die NATO 1999 militärisch in den Kosovokrieg ein. Die amerikanische Unterstützung wird von vielen Kosovaren als entscheidend für das Ende des Krieges und den späteren Weg zur Unabhängigkeit angesehen.

Als Zeichen der Dankbarkeit wurde eine der großen Straßen Pristinas nach Bill Clinton benannt.

Am Boulevard steht eine mehrere Meter hohe Statue des ehemaligen US-Präsidenten. Dahinter prangt an der Fassade eines Wohnblocks auch noch ein riesiges Porträt von ihm.

Als wäre das nicht genug, entdecke ich gleich nebenan die Hillary Boutique, ein Bekleidungsgeschäft, das nach Hillary Clinton benannt ist.

Und im Schaufenster hängen tatsächlich Hosenanzüge.

Aber die amerikanische Begeisterung beschränkt sich nicht nur auf die Clintons. Überall in der Stadt entdecke ich amerikanische Flaggen, Restaurants mit Namen wie Route 66 und sogar eine Freiheitsstatue, die auf einem Hotel thront.

Street Art in Pristina

Was mir ebenfalls beim rumspazieren durch Pristina auffällt, ist die viele Street Art.

An Hauswänden, in Seitenstraßen und besonders in den Unterführungen entdecke ich immer wieder bunte Murals und Graffiti. Manche sind einfach dekorativ, andere beschäftigen sich mit politischen oder gesellschaftlichen Themen.

Und die Farbe kann Pristina durchaus gebrauchen.

Denn besonders hübsch ist die Stadt auf den ersten Blick nicht unbedingt. Viele Gebäude stammen noch aus jugoslawischen Zeiten, manche Fassaden sind ziemlich heruntergekommen und an vielen Ecken wird gebaut.

Dazwischen tauchen dann plötzlich riesige Wandgemälde auf, die den grauen Straßenzügen ein bisschen Farbe verleihen.

Pristina wirkt stellenweise ziemlich chaotisch und unfertig. Aber gerade diese Mischung aus alten Betonbauten, moderner Kunst und neuen Cafés macht die Stadt interessant.

Pristinas Café-Kultur – überraschend hip

Was mich in Pristina wirklich überrascht, sind die vielen unglaublich coolen Cafés.

Gefühlt gibt es an jeder zweiten Straßenecke ein neues Café, eines stylischer als das andere. Moderne Einrichtung, gemütliche Sitzgelegenheiten und vor allem richtig guter Kaffee.

Der Kosovo hat eine krasse Café-Kultur.

Besonders gut gefällt mir die Soma Book Station. Das ist nicht einfach nur ein Café, sondern eine Mischung aus Buchhandlung, Plattenladen, Restaurant und Bar.

Zwischen Bücherregalen, Schallplatten und gemütlichen Sitzgelegenheiten kann man hier problemlos ein paar Stunden verbringen. Und wenn ich mich so umschaue, machen das einige Gäste offenbar auch.

Überhaupt scheint Kaffeetrinken in Pristina eine Art Volkssport zu sein. Die Cafés sind voll, die Terrassen gut besucht und überall sitzen junge Menschen zusammen, unterhalten sich oder beobachten das Treiben auf der Straße.

Besonders rund um den Mother Teresa Boulevard ist von morgens bis spät abends einiges los. Auch in den kleinen Seitenstraßen reihen sich Cafés und Restaurants aneinander.

Und zwischendurch duftet es immer wieder nach frisch gerösteten Maronen.

Ich könnte mich hier problemlos den ganzen Nachmittag durch die verschiedenen Cafés trinken. Allerdings habe ich ja nur ein Wochenende Zeit und möchte auch noch etwas anderes vom Kosovo sehen.

Pristina erkunden – zu Fuß, mit dem Bus oder Taxi

Pristina lässt sich wunderbar zu Fuß erkunden. Die Innenstadt ist recht kompakt und die meisten Sehenswürdigkeiten liegen nicht weit voneinander entfernt.

Ich bin während meines Aufenthalts fast ausschließlich zu Fuß unterwegs. Das ist meiner Meinung nach auch die beste Möglichkeit, die Stadt kennenzulernen, denn gerade in den Seitenstraßen gibt es immer wieder etwas zu entdecken.

Für längere Strecken oder Ausflüge in die Umgebung bieten sich Busse und Taxis an. Beides ist im Vergleich zu vielen anderen europäischen Hauptstädten ziemlich günstig.

Was mir außerdem positiv auffällt: Die Autofahrer nehmen hier tatsächlich Rücksicht auf Fußgänger. Sobald ich an einem Zebrastreifen stehe, halten die Autos meistens an und lassen mich passieren.

Das kenne ich von anderen Reisezielen durchaus anders.

Mein Fazit: Pristina ist keine Schönheit, hat aber Charakter

Pristina ist sicherlich keine Stadt, die mit ihrer Schönheit glänzt. Viele Gebäude stammen noch aus jugoslawischen Zeiten, an jeder Ecke wird gebaut und manche Architektur ist, sagen wir mal, gewöhnungsbedürftig.

Die Stadt ist rau, teilweise chaotisch und definitiv keine dieser perfekt herausgeputzten europäischen Hauptstädte.

Aber Pristina hat Charakter.

Zwischen den grauen Betonfassaden entdeckt man bunte Street Art, unglaublich hippe Cafés und Restaurants und eine junge, lebendige Atmosphäre. Besonders die Café-Kultur hat mich überrascht. So viele schöne Cafés und so guten Kaffee hatte ich hier wirklich nicht erwartet.

Gleichzeitig begegnet man überall der jüngeren Geschichte des Landes. Sei es durch die Denkmäler, die vielen amerikanischen Flaggen oder die Gebäude aus jugoslawischen Zeiten.

Pristina ist vielleicht keine Stadt, in die man sich auf den ersten Blick verliebt. Aber je länger man durch die Straßen schlendert, desto mehr entdeckt man ihren ganz eigenen Charme.

Mich hat die kosovarische Hauptstadt jedenfalls positiv überrascht. Nicht unbedingt wegen ihrer Sehenswürdigkeiten, sondern vor allem wegen ihrer Atmosphäre, der vielen kleinen Beobachtungen und natürlich wegen des guten Kaffees.

Wer etwas mehr Zeit im Kosovo hat, kann von Pristina aus auch einige schöne Ausflüge unternehmen. Beispielsweise zum Bear Sanctuary, einem Schutzzentrum für gerettete Braunbären, oder in die historische Stadt Prizren.

Und genau dorthin geht es für mich als Nächstes.

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