Als mich jemand an der Arbeit fragt, wo es über das lange Wochenende hingeht, sage ich: „Nach Chisinau und von dort nach Transnistrien.“

„Wo ist das?“

Eine ziemlich berechtigte Frage. Denn Transnistrien ist ein Land, das es offiziell gar nicht gibt. Es hat eine Hauptstadt, eine eigene Regierung, eine eigene Währung und eine eigene Grenze. Nur international anerkannt ist es nicht.

Also mache ich mir selbst ein Bild davon.

Mit der Marschrutka nach Tiraspol

Ich bin in Chisinau und heute geht es für mich nach Tiraspol, der Hauptstadt Transnistriens. Ich laufe zum Central Market beim Waikiki-Laden. Dort warten bereits zahlreiche Marschrutkas auf ihre Fahrgäste. Eine Marschrutka ist ein kleiner Minibus und das Prinzip ist ziemlich einfach: Sie fährt los, sobald sie voll ist.

Ich kaufe mir am Ticketschalter für 57 Lei (Stand April 2026) ein Ticket und steige in die nächstbeste Marschrutka nach Tiraspol.

Der Bus ist eigentlich schon voll. Das hält uns allerdings nicht davon ab, auf dem Weg noch weitere Leute einzusammeln. Nach und nach quetschen sich immer mehr Menschen in den kleinen Minibus und irgendwann sind selbst auf dem Gang so viele aneinandergequetscht, dass wirklich gar nichts mehr geht.

Neben mir sitzt eine nette junge Frau mit einem Hund auf dem Schoß. Sie spricht mich an, weil sie offensichtlich ziemlich schnell bemerkt hat, dass ich Touristin bin. Tatsächlich bin ich die einzige Touristin im gesamten Bus. Sie erzählt mir, dass sie in Chisinau wohnt, ihre Familie aber noch in Tiraspol lebt und sie sie über das Wochenende besucht. Ich frage sie direkt nach ein paar Restauranttipps für Tiraspol. Wenn man schon zufällig neben einer Einheimischen sitzt, kann man das schließlich ausnutzen.

Nach ungefähr einer Stunde erreichen wir die Grenze. Hier wird es dann etwas interessanter. Man steigt aus der Marschrutka aus und geht in ein kleines Grenzhäuschen zum Schalter. Dort werde ich gefragt, wie lange ich bleiben möchte und warum ich nach Transnistrien reise. Danach bekomme ich einen kleinen Zettel, der in meinen Reisepass gelegt wird und auf dem steht, wie lange ich mich im Land aufhalten darf. Bei mir sind es ungefähr 36 Stunden. Da Transnistrien kein offiziell anerkannter Staat ist, bekommt man natürlich auch keinen normalen Einreisestempel. Stattdessen ist dieser kleine Zettel quasi mein Visum. Ein ziemlich unspektakulärer kleiner Zettel für die Einreise in ein Land, das offiziell gar kein Land ist.

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Wohnblock in Tiraspol.
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Wohnblock mit Spielplatz in Tiraspol

Willkommen in Tiraspol

Von der Grenze sind es noch ungefähr 30 Minuten bis nach Tiraspol. Kaum im „Land“ angekommen, fallen mir sofort die zahlreichen Sheriff-Filialen auf. Sheriff-Supermärkte. Sheriff-Tankstellen. Sheriff-Fußballstadion. Sheriff hier, Sheriff dort. Sheriff ist ein riesiges Unternehmen in Transnistrien und gefühlt gehört hier alles zu Sheriff.

Die Endstation der Marschrutkas in Tiraspol ist der stillgelegte Bahnhof. Von hier fahren inzwischen nur noch Minibusse, Züge gibt es nicht mehr. Normalerweise fahren von hier unter anderem Züge nach Odessa in der Ukraine. Aktuell verkehren diese allerdings nicht. Ich fahre aber gar nicht bis zum Bahnhof, sondern lasse mich wie die meisten anderen Fahrgäste bereits in der Innenstadt rauswerfen. Von hier laufe ich zu meiner Unterkunft für die Nacht: dem Hotel Russia. Das Foyer ist riesig und ziemlich prunkvoll – und komplett leer. Viele Touristen scheint es hier nicht zu geben. Nach einiger Zeit kommt dann auch die Rezeptionistin und ich kann einchecken. Bezahlen kann man nur bar. Es gibt zwar auch Bankkarten, allerdings handelt es sich dabei um lokale Karten, die eher wie wiederaufladbare Geldkarten funktionieren.

Meine erste Erkundungstour führt mich deshalb nicht zu einem Monument, sondern zum nächsten Wechselschalter neben dem Hotel.

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Das Hotel Russia
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Straßenschilder mit kyrillischen Namen von Städten auf der ganzen Welt

Die eigene Währung

Transnistrien hat seine eigene Währung: den Transnistrischen Rubel. Das sind zwar Rubel, aber nicht die russischen Rubel. Und natürlich sind auch die transnistrischen Rubel international nicht anerkannt. Ich tausche also erstmal Euro gegen transnistrische Rubel. Der Geldwechsel funktioniert problemlos und danach kann ich mich endlich aufmachen, Tiraspol zu erkunden.

Die Stadt ist nicht sonderlich groß und lässt sich sehr gut zu Fuß erkunden. Von meinem Hotel aus sehe ich quasi schon die City Hall an der 25.-Oktober-Straße. Die 25.-Oktober-Straße ist wahrscheinlich die interessanteste Straße in Tiraspol und führt an einem Großteil der Sehenswürdigkeiten vorbei. Also laufe ich einfach die Straße entlang.

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Die City Hall von Tiraspol

Als Erstes komme ich am „I love Tiraspol“-Schriftzug vorbei, der mitten auf der Straße steht. Von dort geht es weiter zum Panzerdenkmal mit der kleinen Kapelle, dem sogenannten „Sieges-Panzer-Denkmal“. Ein Panzer als Denkmal mitten in der Stadt. Sehr sowjetisch. Das Denkmal erinnert an die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs. Ein kleines Stück weiter befindet sich eine Memorial Hall mit zahlreichen Namen von Gefallenen aus verschiedenen Kriegen. Hier wird auch an den Transnistrienkrieg Anfang der 1990er Jahre erinnert. Seit dem Waffenstillstandsabkommen vom 21. Juli 1992 gibt es zwischen Transnistrien und Moldau keine erneuten offenen Kampfhandlungen. Der Konflikt selbst ist bis heute ungelöst. Man bekommt hier also ziemlich schnell einen Eindruck davon, dass die Geschichte des Landes nicht ganz so weit zurückliegt, wie die sowjetisch wirkenden Gebäude zunächst vermuten lassen.

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Das „I love Tiraspol“-Schild
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Ein Panzer als Denkmal mitten in Tiraspol

Katharina die Große, Lenin und ein riesiges Pferd

Nur wenige Meter weiter komme ich zum Catherine-the-Great-Park. Der Park ist Katharina der Großen gewidmet. Sie war im 18. Jahrhundert russische Zarin und spielte eine wichtige Rolle bei der russischen Expansion in die Region. Die vielen „E“ auf den Toren stehen für „Ekaterina“, den russischen Namen von Katharina.

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Der Catherine-the-Great-Park
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Katharina die Große im Catherine-the-Great-Park

Ich laufe weiter die 25.-Oktober-Straße entlang und komme schließlich zum Regierungsgebäude. Davor steht eine riesige Lenin-Statue. Das Gebäude selbst ist in klassischer sowjetischer Architektur gehalten, obwohl es tatsächlich noch gar nicht so alt ist. Es wurde erst 1983 gebaut, die Lenin-Statue davor wurde 1987 aufgestellt.

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Die große Lenin-Statue vor dem Regierungsgebäude

Bis hierhin bin ich die Straße entlanggelaufen und mache mich nun auf der anderen Seite wieder auf den Rückweg. Und da sehe ich auch schon das nächste Monument. Alexander Wassiljewitsch Suworow. Auf einem gigantischen Pferd. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, wer das ist. Das Suworow-Denkmal ist eines der bekanntesten Wahrzeichen Tiraspols. Später am Abend lese ich bei meiner Recherche, dass Suworow ein russischer General war und als Gründer der Stadt gilt. Tiraspol wurde 1792 als Festung gegründet, die unter seiner Beteiligung angelegt wurde.

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Hammer und Sichel neben dem Suworow-Denkmal
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Rosa blühender Baum in Tiraspol – ein schöner Kontrast

Cinderella in Tiraspol

Was mir beim Entlangschlendern durch die Stadt allerdings fast genauso auffällt wie die großen Monumente, sind die kleinen Cinderella-Kaffeeautomaten, die überall am Straßenrand stehen. Passend dazu sind die Mülleimer in Tassenform. Auch die Bushaltestellen sind passend dazu gestaltet und sehen aus wie kleine Kutschen aus Cinderella. Die Beschreibungen der Sehenswürdigkeiten sind oft auf Steinen eingraviert, die an aufgerollte Pergamente erinnern, wie man sie aus historischen Filmen kennt. Ich finde das gleichzeitig süß und ziemlich skurril.

Die Stadt wirkt an vielen Stellen sehr sowjetisch und schwer – und dann stehen da plötzlich diese kleinen Märchenkutschen am Straßenrand. Ich habe nicht erwartet, dass Tiraspol ausgerechnet mit Cinderella dekoriert ist.

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Eine der vielen Cinderella-Kaffeemaschinen in Tiraspol
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Und noch eine – diesmal eine ziemlich große Cinderella-Kaffeemaschine
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Eine Bushaltestelle im Cinderella-Kutschen-Look

Am anderen Ende der Straße entdecke ich dann noch ein Street-Art-Werk von Juri Gagarin. „Gagarin Yurii – First in Space.“ Gagarin war der erste Mensch im Weltall und natürlich ebenfalls eine wichtige Figur der sowjetischen Geschichte. Langsam habe ich das Gefühl, ich arbeite hier eine ziemlich vollständige Liste sowjetischer Persönlichkeiten ab. Und dann kommt noch etwas, mit dem ich wirklich überhaupt nicht gerechnet habe.

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Street Art von Juri Gagarin – „First in Space“

Harry Potter in Tiraspol

Ein Harry-Potter-Monument. Ja, du liest richtig. Harry Potter. In Tiraspol.

Ich habe wirklich keine Ahnung, warum hier eine Harry-Potter-Statue steht. Von allen Dingen, die ich in dieser Stadt erwartet habe, war Harry Potter definitiv nicht dabei. Warum man ausgerechnet hier auf die Idee gekommen ist, ein Monument für Harry Potter aufzustellen, ist mir bis heute ein Rätsel.

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Harry Potter in Tiraspol – ja, wirklich

Victory Park

Ich gehe noch weiter zum Victory Park, der direkt auf der anderen Straßenseite liegt. Und auch hier werde ich wieder überrascht. Im Park befindet sich ein alter Freizeitpark, der ziemlich verlassen und in die Jahre gekommen aussieht. Vor allem das Riesenrad wirkt wie ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit. Irgendwie erinnert mich der Ort an den verlassenen Freizeitpark in Chernobyl. Nur dass dieser hier nicht komplett verlassen ist. Ich laufe noch ein bisschen herum und stelle irgendwann fest, dass ich jetzt tatsächlich alle Sehenswürdigkeiten von Tiraspol gesehen habe. Also geht es weiter zum Abendessen.

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Victory Park mit Fahrgeschäften, die mich an Tschernobyl erinnern

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Back in the USSR

Ich gehe in das Restaurant „Back in the USSR“. Der Name passt ziemlich gut zum Rest der Stadt. Das Restaurant ist komplett im sowjetischen Stil eingerichtet und liebevoll dekoriert.

Ich bestelle einen Kvint, der für Tiraspol ziemlich bekannt ist, und dazu ein einheimisches Bier. Das Essen ist okay. Die Bedienung eher nicht so. Dafür ist es günstig.

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Das Restaurant „Back in the USSR“
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Sowjetische Deko im „Back in the USSR“ Restaurant

Danach ist mein Tag in Tiraspol eigentlich vorbei.

Abends im Bett merke ich allerdings, dass ich erstmal anfangen muss zu googeln, was ich den ganzen Tag eigentlich gesehen habe. Wer sind die Leute auf den Statuen? Warum ist Katharina die Große hier eigentlich so präsent? Was hat Suworow mit Tiraspol zu tun? Und vor allem: Was macht Harry Potter hier?

Zurück nach Chisinau

Auch am nächsten Morgen ist der Frühstückssaal im Hotel fast leer. Ich mache mich auf den Weg zum Bahnhof, um von dort eine Marschrutka zurück nach Chisinau zu nehmen. Am Ticketschalter stelle ich dann fest, dass die Rückfahrt teurer ist als die Hinfahrt. Das wusste ich natürlich nicht. Und ich habe nicht mehr genug transnistrische Rubel.

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Der Bahnhof von Tiraspol – heute fahren hier vor allem Minibusse

Zum Glück werden auch andere Währungen akzeptiert. Allerdings mit einer ziemlich hohen zusätzlichen Gebühr. Auf der Rückfahrt ist das Wetter deutlich schlechter. Es herrscht ein ziemlich starker Wind und ich bin froh, dass wir diesmal an der Grenze nicht aussteigen müssen. Stattdessen kommt ein Grenzbeamter einfach in den Minibus, sammelt die Reisepässe von allen ein und verschwindet damit. Ein paar Minuten später werden die Reisepässe einfach wieder ins Fahrzeug gereicht.

Und damit ist mein Ausflug nach Transnistrien auch schon wieder vorbei. Tiraspol ist kein klassisches Reiseziel. Es gibt keinen großen Touristenrummel und vieles wirkt auf den ersten Blick ziemlich unspektakulär. Aber genau die Mischung aus sowjetischer Vergangenheit, eigener Identität und ziemlich skurrilen Details macht die Stadt interessant.

Ich bin hierhergekommen, weil ich ein Land sehen wollte, das es offiziell gar nicht gibt. Und irgendwie habe ich genau das bekommen: eine Stadt, die gleichzeitig modern und aus der Zeit gefallen wirkt, russisch geprägt ist und trotzdem offiziell zu Moldau gehört, eine eigene Währung und Grenze hat und von fast keinem anderen Staat als eigenständiges Land anerkannt wird.

Und irgendwo dazwischen stehen Lenin, Katharina die Große, ein riesiger Suworow auf seinem Pferd, Cinderella-Kaffeemaschinen und Harry Potter.

Tiraspol ist irgendwie seltsam. Und genau deswegen hat sich die Reise gelohnt.

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